IHR LIEBEN, VIEL ZU WEIT ENTFERNTEN die Briefe von Louise Jacobson,
übersetzt und eingerichtet durch Conny Frühauf
Ich weiß nicht, ob euch das alles überhaupt interessiert,
aber es tut mir so gut, euch zu schreiben.
Louise Jacobson wurde 1924 in Paris geboren, wuchs wie die meisten anderen Teenager auf, traf sich mit Freunden, ging zur Schule. Bis sie eines Tages, gerade siebzehnjährig, auf dem Heimweg verhaftet wurde. Gleichzeitig wurde auch ihre Mutter, die zu Hause wartete, festgenommen - wegen kommunistischer Aktivitäten. Die Polizisten kamen im Auftrag der Gestapo, es ist 1942. Hier beginnt ihr Leidensweg: Zwar werden die Untersuchungen gegenüber Louise eingestellt, da sie Jüdin ist wird sie aber erst in einem Sammellager interniert und später nach Auschwitz deportiert, wo sie 1943 in der Gaskammer ermordet wird. Von ihrer Verhaftung an bis zur Deportation schreibt sie Briefe nach Hause, an die Geschwister, den Vater, die Cousinen und Freunde. Einen beginnt sie mit „Ihr Lieben, viel zu weit Entfernten“.
Die Briefe schildern nicht das unmittelbare Grauen, sondern beschreiben mit verzweifelter Heiterkeit den Alltag einer dem Nazi-Terror Ausgelieferten, bemühen sich immer um Hoffnung und Zuversicht, versuchen, die Familie und Freunde vor Sorgen zu bewahren und die schrecklichen Lagerbedingungen zu überspielen. Gerade in diesem Nichtaussprechen des Schreckens liegt die Stärke dieser Briefe, denn zwischen den Zeilen, hinter den Andeutungen und durch das Alltägliche hindurch schimmern Vernichtung und Tod. Das macht diese Dokumente auf eine sehr subtile Art ergreifend. Louises Schicksal steht für das jedes einzelnen Opfers, für jeden Toten der Shoa. Mit ihren warmen und freundlichen Worten gibt sie den unvorstellbarer Opferzahlen ein Gesicht.
In unserem Monolog findet eine junge Frau einen alten Koffer, in dem die Geschichte von Louise steckt und darauf wartet, erzählt zu werden. Sie öffnet ihn und findet einige Gegenstände und Briefe, mit denen sie, nach und nach, Brief um Brief, das Mädchen Louise rekonstruiert, sie und ihr Schicksal vor ihrem und unserem geistigen Auge entstehen lässt.
Besetzung
Regie: Dirk Strobel
| DIE JUNGE FRAU ................................................................... |
Sandy Asser |
Premiere am 18. Juni 2009 im Foyer des Projekttheaters Dresden.
Vorstellungsdauer: etwa 60 Minuten, keine Pause
Aufführungsrechte bei Theaterstückverlag, Korn-Wimmer, München.
Diese Produktion wurde gefördert durch die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.
zur Autorin
Conny Frühauf ist freie Autorin (unter anderem für den ARD-Hörfunk), Lektorin und Übersetzerin für Theater, Funk und Print. Sie studierte an der Universität Heidelberg Romanistik und Germanistik und arbeitete als Fremdsprachenassistentin an einem französischen Gymnasium bei Dijon. Anschließend assistierte sie bei den Schlossfestspielen am Theater der Stadt Heidelberg, war Dozentin für Deutsch als Fremdsprache bei dem Theater an der Sommerakademie der Universität Heidelberg und dozierte in den Bereichen Literatur, Kunst und Französisch an der VHS Mannheim und Weinheim. Ab 1987 schrieb sie als Kultur-Journalistin für die Heidelberger „Communale“, die „Frankfurter Rundschau“, den Hessischer Rundfunk und den Südwestfunk. Von 1989 bis 1992 arbeitete sie in der Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit des Landestheaters Tübingen und an der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Zwischen 1995 und 1997 erhielt Conny Frühauf mehrere Auszeichnungen in der Sparte „Hörspiel“
Pressestimmen
Dresdner Neueste Nachrichten, 20./21. Juni 2009, Autorin: B. Baum
GEGEN DIE IGNORANZ
Eindrucksvoll: "Ihr Lieben, viel zu weit Entfernten" im projekttheater
Perfekte Desillusionierung. Der Raum das Foyer des projekttheaters ist hell ausgeleuchtet, an die Wand gequetscht die Reihen unbequemer Stühle, davor ein Tisch. In einer Ecke aufgestapelt: Koffer. Alte Koffer. Ein weiteres Gepäckstück aus vergangener Zeit schleppt das junge Mädchen heran. Sie: ein Kind des späteren 20. Jahrhunderts, die Kleidung, das „Kostüm“ nicht exakt zu verorten in den vergangenen vierzig Jahren.
Sandy Asser von der Freien Bühne ist dieses Mädchen. Ein Mädchen ohne eigene Geschichte, über das wir im Verlauf der guten Stunde dieses eindrucksvollen Theaterabends „Ihr Lieben, viel zu weit Entfernten“ nur Mutmaßungen anstellen können. Eine Nachfahrin jenes Mädchens, jener Louise, deren Koffer sie da entdeckt hat. Einen Koffer, den sie zunächst als Schatzkiste freudig beäugt, neugierig durchforstet, später zunehmend fürchtet... Sie, wie Louise, wird schnell altern...
Zuerst aber das fast fröhliche Spiel: Der aufgeklappte Kofferdeckel dient als Puppenbühne für den entdeckten Teddy. Der erste Brief die Fakten. Sie wurde denunziert, von der Straße weg verhaftet, wegen „kommunistischer Äußerungen“. Wir schreiben das Jahr 1942 im besetzten Frankreich.
Die Bezeichnung „eine Politische“ hört sich für dieses junge Ding, das wir da in einem zweiten Brief an die Klassenkameraden näher kennenlernen, so unsinnig an, wie es wohl in 90 Prozent der Fälle war. Louise entsteht vor unseren Augen als Teenager, dessen herausragendste Eigenschaft eine fast schon verzweifelte Heiterkeit ist, der unbedingte Wille, an das Leben zu glauben. Sie entsteht allein durch die Briefe sowie die wenigen Gegenstände, die aus dem Koffer gefischt, an eine Wäscheleine gehängt werden. Und durch Assers Mimik, in der sich das Grauen zwischen den Zeilen spiegelt. Anfangs wechselt die dargestellte junge Frau noch häufiger auf die Metaebene, freut sich sichtlich über ihre Rekonstruktion von Louises Leben mit diesen einfachen Mitteln zunehmend wird sie in den Sog der Tragödie gezogen. Die Briefe zeigen uns das Leben im Gefängnis mit seinem Dreck, den Krankheiten und dem schlechten Essen, dann in einem Sammellager, in dem vergleichsweise menschenwürdige Bedingungen herrschen, die Jugendlichen Unterricht bekommen, Päckchen erhalten dürfen. Die Hoffnung, die das junge Mädchen nach Hause, zum Vater, den Cousinen, den Freundinnen, schickt, überträgt sich. Die Wirkung ist eine ähnliche wie beim Lesen des Tagebuchs Anne Franks: Eine solche Jugendliche, die lernen, lieben, leben will, und das so ausdrucksvoll kund tut, kann doch nicht, darf doch nicht... Wir wissen, dass SIE konnten, dass SIE nicht durften, aber taten.
Die Wäscheleine füllt sich. Kastanienblätter warum keine getrockneten, muss hier gefragt werden! zeigen den Herbst an, eine porzellane Spieluhr Weihnachten. Schwarz-Weiß-Fotografien geben Bilder der geliebten Eltern ab. Ein zerrissenes Taschentuch, ein Häkelbeutel, eine Sammeltasse.
Der Brief, der ankündigt, dass die Regeln verschärft werden: Keine Päckchen mehr, noch nicht einmal Karten. Die Vorlesende drängt die Tränen zurück. Louise ringt um ihren Optimismus. Immerhin hat sie zwei zusätzliche „Zuteilungskarten“. Die von „Tante Rahel“ und von einer anderen Gefangenen, die schon abgeholt wurde.
Die Wäscheleine ist voll. Der letzte Brief ist nur ein Zettel: Die Deportation. Dazu: Die Armbanduhr, die im Lager zurückgelassen wurde.
Durchwühlen des Koffers auf der Suche nach einem weiteren Text, nach etwas, das das Unglaubliche, das Schreckliche aufhebt. Nach einem Happy End? Es gibt keines, natürlich nicht.
Aber es gibt eine junge Bühne in Dresden, mit einer viel versprechenden jungen Schauspielerin und weiteren Leuten im Hintergrund, die das Grauen wach halten. Denen zum Trotz, die von all dem „nach vorne schauen“ längst mehr als einen steifen Nacken haben. Auf der Bunten Republik soll es in diesem Jahr eine Waage geben, auf der man gegen Rechts „Gewicht zeigen“ kann. Diese Inszenierung schlägt mit einer ordentlichen Tonne zu Buche. Mindestens.
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